Die falsche Aufgabenstellung

Der bekannte und renommierte Automobildesigner Giorgetto Giugiaro, der italienische Designer, der dem Golf 1 sein „Gesicht“ gegeben hat, hat einmal gesagt: „Das Ergebnis ist eine Reflektion der Aufgabe.“ Er macht deutlich, welche Bedeutung der Aufgabenstellung zukommt. Gehen wir vom falschen aus, kommt das falsche raus. Nehmen wir die Aufgabe als gegeben hin und beginnen gleich entlang der Vorgaben mit der Arbeit, dann arbeiten wir nicht am richtigen, auch wenn wir unsere Arbeit richtig machen. Umgeben wir uns mit Befehlsempfängern, sind unsere Partner „verlängerte Werkbänke“ oder Handwerker, die ihr Fach verstehen, dann bekommen wir nicht das beste Ergebnis.


Nur das was man sät kann man ernten


Die alte Sicht der Dinge

Ich habe die Erfahrung gemacht, das die vordergründige Aufgabenstellung lediglich der Ausgangspunkt ist, um sich mit einem Thema zu beschäftigen. Der Auftraggeber entwickelt die Aufgabe mit seiner Innensicht. Es gibt jedoch immer eine Vielzahl von bedeutenden Perspektiven. Mit der Arbeit kann also erst begonnen werden, wenn die Lösung der Aufgabe ein erfolgsversprechendes Resultat verspricht. In der Praxis, bei mittelständischen Unternehmen und im Maschinenbau ist das die Ausnahme. Ich beobachte, dass fast immer mit der Arbeit begonnen wird, bevor die Grundlagen für den Erfolg geschaffen sind.

 

Wir brauchen mehr „unlösbare“ Aufgaben

Als die Firma Heldele auf mich zugekommen ist, wollte sie eine Stromtankstelle, die optisch ansprechend ist. Hätte ich mit dieser Vorgabe mit der Arbeit begonnen, wären tausende Varianten möglich gewesen und die Entscheidung für einen Favoriten wäre aus Willkür, aus persönlicher Vorliebe oder dem Geschmack der Entscheider getroffen worden. Erst als wir bei einer vielschichtigen Diskussion auch die möglichen Akzeptanzbarrieren untersucht haben, konnten wir die verdeckten Möglichkeiten erkennen, die schließlich über den Erfolg entschieden.

 

Verborgene Chancen

Nach intensiveren Recherchen und tiefgreifenden Untersuchungen wurde uns klar, dass neben der intuitiven Bedienbarkeit die Integration in das Umfeld einer Altstadt und gleichermaßen in die Metropole der Knackpunkt sein würde. Das Handicap war mir sofort klar: Die gesamte Elektronik benötigte das Volumen eines Parkautomat. Allerdings hatte ich noch keinen Parkautomaten gesehen, der sich ins Umfeld integriert. Also war die Baugröße der kritische Faktor. Ich schlug zwei Möglichkeiten vor:
1. Die Elektronik muss unter die Erde.
2. Die Elektronik muss auf die Größe eines Schuhkartons geschrumpft werden.
Beide Möglichkeiten haben bei den Entwicklern Mitleid und Unverständnis ausgelöst. Verständlicherweise. Denn keine der Möglichkeiten war realisierbar.

 

Mut und Weitsicht

Schließlich hat die Geschäftsführung mit Unternehmergeist die Diskussion beendet: Die Miniaturisierung sollte verfolgt werden.
Jetzt hatten die Entwickler Schweißperlen auf der Stirn, denn jeder wußte um die Unlösbarkeit der Herausforderung. Nach einem halben Jahr jedoch war die Elektronik der Stromtankstelle auf Schuhkarton-Größe geschrumpft. Eine großartige Leistung des Teams bei Heldele! Mein Industrial Design Team und ich waren in dieser Projektphase intensiv damit beschäftigt, die Ingenieure in jeder Hinsicht zu unterstützen.

 

Industrial Design steht nicht am Anfang

Bis zu diesem Zeitpunkt hatten wir uns beim Heldele-Projekt null Komma null mit Design beschäftigt, keinen ästhetischen Ansatz entwickelt. Dennoch war dieser Schritt auf dem Weg zum Erfolg der Hauptteil unserer Leistung. Es handelte sich um Psychologie, Motivation, Mut, Visualisierung, kreative Prozesse…
Dieses Projekt war wie viele andere, mit denen wir uns täglich beschäftigen.
Das attraktive Produkt ist ein willkommenes und erwünschtes „Abfallprodukt“ des „Process to success“. In erster Linie geht es zu Beginn darum, die Aufgabe herauszuarbeiten, um dann anschließend konsequent die harte Arbeit zu erledigen.

 

Die wichtigste Nebensächlichkeit

Das ist meine Denkweise und sie führt immer zu Mehrwert und Lösungen, die vorher nicht vorstellbar waren. Nicht jedes Mal sind die Ergebnisse derart radikal und spektakulär, oft handelt es sich um Chancen, die aus dem Detail und der Optimierung heraus gefunden werden. Am Ende steht immer der Erfolg und der Stolz der Mannschaft. Der ist dann der Brennstoff für die nächste Aufgabe.

 

Ihr Jürgen R. Schmid

Design Tech

www.designtech.eu

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