Ein Titel macht noch keine Exzellenz

Pfarrer, Lehrer und Ärzte waren lange Zeit allein aufgrund ihrer Titel angesehene Persönlichkeiten. Das hat sich mittlerweile grundlegend geändert. Heute lassen sich Menschen nicht mehr von Dienstbezeichnungen und -graden blenden. Achtung wird allein dem zuteil, dessen Persönlichkeit überzeugt. Das hat Konsequenzen. Auch für Unternehmen.


kluge Menschen investieren in die Persönlichkeitsentwicklung

 

Noch beobachte ich in Gehaltstabellen der Wirtschaftspresse, dass große, fast staatlich organisierte Unternehmen ihre Mitarbeiter mit Doktortiteln vorauseilend besser bezahlen – wenn auch geringfügig. In Startups und anderen innovativ dynamischen Organisationen dagegen sehe ich aufgrund der wenigen Hierarchieebenen nur wenig Raum für Titel. Wie gut selbst große Firmen damit fahren, zeigt die für ihre wasserdichten Textilien bekannte Firma Gore. Sie nennt auf den Visitenkarten ihrer Mitarbeiter weder Berufsabschlüsse noch Dienstbezeichnungen. Jeder gibt mit seiner persönlichen und fachlichen Präsenz seinem Gegenüber die passende Antwort. Die umsatzstarke Firma verzichtet sogar auf Manager und Chefs. Sie strukturiert sich also nicht durch Vorgesetztenbeziehungen, sondern durch ein raffiniertes Netz, das alle Beteiligten miteinander verbindet. Und so können alle der immerhin weltweit 10.000 Mitarbeiter von Gore ungehemmt von Hierarchien ihre Fragen stellen und ihre Ideen mit allen anderen austauschen. Die Konsequenz: Jeder hat das ganze Unternehmen im Blick und fühlt sich verantwortlich. Und das bei einem hohen Grad an Selbstbestimmung. Damit diese sich selbstorganisierenden flexiblen Unternehmen funktionieren, braucht es jedoch eine maßgeschneiderte Unternehmenskultur, in der es nicht nach Befehl und Gehorsam geht.

 

Verantwortung und Persönlichkeit

Wenn es keine Hierarchien gibt und jeder mit jedem sprechen kann, dann müssen auch alle Entscheidungskompetenzen und natürlich Verantwortungsbewusstsein besitzen. Wenn das gegeben ist, agiert jeder Mitarbeiter im Kontext des Unternehmens so, wie er es für nützlich und zielführend hält. Der große Vorteil: Ändert sich die Ausgangssituation, kann so deutlich schneller und flexibler reagiert werden. Hierarchische Systeme dagegen brauchen enorm viel Zeit für Entscheidungen, Reaktionen und Entscheidungsergebnisse, die nicht die beste Lösung hervor bringen, sondern den kleinsten gemeinsamen Nenner abbilden. Ich habe auch beobachtet, dass in hierarchiebetonten Unternehmen bei Zielabweichungen häufig ein Sündenbock gesucht wird. Am einfachsten findet man solche Opfer auf der Seite der Auftragnehmer. Diese Abläufe werden dann am Ende des Tages zur Unternehmenskultur. Was das bedeutet, kann sich jeder selbst ausmalen.

Damit ein hierarchiearmes oder -freies Unternehmen funktioniert, braucht es jedoch auch Mitarbeiter, die sich ihrer persönlichen und fachlichen Fähigkeiten, aber auch Grenzen bewusst sind. Nur so können sie im entscheidenden Moment die geeignetere Person einschalten bzw. befragen. In einem solchen Unternehmen stehen Befehlsempfänger ganz klar auf verlorenem Posten.

 

Aus Fehlern lernen

Ein dynamisches Unternehmen reagiert schnell und fordert geradezu intelligente Fehler ohne zu bestrafen. Aber es fordert auch, aus den Fehlern zu lernen. Ein schönes Beispiel dafür gibt Herr Gerster, ehemals Vorstandsvorsitzender von IBM. Über ihn wird erzählt, dass er, als einer seiner Mitarbeiter einen Fehler machte, der das Unternehmen mehrere Millionen Euro kostete, auf die Kündigung seines Mitarbeiters sinngemäß so reagierte: `Ich wäre bescheuert, wenn ich Sie jetzt zur Konkurrenz gehen lasse, wenn wir gerade erst mehrere Millionen in Ihre Fortbildung investiert haben.´ Derartig agierende Unternehmen fordern also von ihren Mitarbeitern ein hohes Maß an Persönlichkeit und Reife.

 

Entscheidungen treffen

Meiner Erfahrung nach sind – besonders die altbackenen – Werbeagenturen sehr kreativ im Erfinden von hochtrabenden Statusbezeichnungen, die sie ihren Mitarbeitern verpassen und natürlich auch auf deren Visitenkarten drucken, um bei ihren Gesprächspartnern Eindruck zu schinden. Die in zukunftsfähigen Unternehmen arbeitenden Menschen brauchen keine Titel. Sie füllen ihre Position mit ihrem persönlichen Auftritt, ihrer reifen Persönlichkeit und ihrem exzellenten Fachwissen aus. Und sie sind jederzeit in der Lage, auch in Meetings schnelle und verbindliche Entscheidungen zu treffen. Sie vertagen sich also nicht zeitverschwenderisch, weil sie aufgrund mangelnder Entscheidungskompetenzen erst noch ihren Chef fragen müssen und dieser wieder seinen Chef und so weiter.

 

Persönlichkeit zählt

Betriebe, die sich auf den Weg zu einem hochflexiblen und zukunftsfähigen Unternehmen machen, sollten also nicht nur die für sie passenden Mitarbeiter rekrutieren, sie fachlich erstklassig ausbilden und ihnen Befugnisse erteilen. Sie müssen vor allem auch viel Wert auf die Entwicklung der Persönlichkeit ihrer Mitarbeiter legen. So gefördert, brauchen Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen dann auch keine Titel, mit denen sie versuchen, ihr Gegenüber zu beeindrucken.

 

Verantwortungsbereiche statt Hierarchien

Bei Design Tech gibt es statt Hierarchien Verantwortungsbereiche und statt Titeln auf der Visitenkarte setzen wir auf die Persönlichkeit des Einzelnen. Jeder Arbeitsplatz ist bei uns ein Lernplatz und jedes Projekt bringt die Chance zu persönlichen Weiterentwicklung. Und weil Entwicklung Hand in Hand mit der Übernahme von Verantwortung geht, statten wir alle Industrial Designer – auch unsere Praktikanten – im Rahmen des jeweiligen Tätigkeitsfeldes und der persönlichen Möglichkeiten mit den entsprechenden Befugnissen aus. Jeder unserer Mitarbeiter, der mit Lieferanten spricht oder beim Kunden ist, kann jederzeit verbindliche Entscheidungen treffen und hat dabei meinen Rückhalt. Denn ich weiß, dass sie gut ausgebildet sind, fachlich hochkarätig und extrem verantwortungsbewusst agieren sowie die Ausrichtung und unser Verständnis von Design Tech loyal und gewissenhaft vertreten. Und sie wissen genau, wo ihre Grenzen sind. Wenn nötig, nehmen sie sich auch die Zeit, um ihre Entscheidungen sorgfältig zu überdenken oder um einen Rat beim Kollegen einzuholen bzw. um mit mir ihre Entscheidungen und Einschätzungen zu besprechen, die für Design Tech weitreichende Konsequenzen haben.

 

Stärke für unsere Kunden

Ich will ehrlich sein. Natürlich läuft auch bei uns nicht alles immer problemlos. Aber wir betrachten unseren Weg als einen kontinuierlichen Prozess, der Fortschritte und Rückschläge beinhaltet. Und selbst wenn wir Niederlagen einstecken müssen bin ich mir sicher, dass uns diese Haltung schlagkräftiger macht und unsere Kunden von dieser Stärke profitieren. Und wenn Sie uns konstruktiv kritisieren, werden Sie sehen, dass wir uns entsprechend verändern und verbessern.

 

Ihr Jürgen R. Schmid

 

 

Weblinks:
www.designtech.eu
www.maschine2020.de

1Kommentar
  • Rainer Bach
    Veröffentlicht um 09:06h, 28 November Antworten

    Hallo Herr Schmid,
    genial, Sie sprechen mir aus der Seele, wie schon so oft!
    Dies sollte man an viele Geschäftsleitungen schicken und umsetzen lassen.

    Allein die Herren in den hohen Schlössern haben zu viel Angst vor Machtverlust…..
    Schönen Tag und viele Grüße
    Rainer Bach

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