Grenzerfahrung

In den Anfangssemestern meines Studiums zum Industrial Designer habe ich von einem Professor die Aufgabe bekommen, einen Designentwurf perspektivisch in einer Freihandskizze darzustellen. Bei der Umsetzung hatte ich mir große Mühe gegeben, nicht nur bei der Entwicklung der Perspektive einer komplexen Freiformfläche, sondern auch bei der Ausführung der Darstellung.

Grenzerfahrung

Viele gehen an den Start, nur die Sieger kommen an’s Ziel

Gut ist nicht gut genug
Mit diesen Unterlagen ging ich selbstbewusst zu meinem Dozenten. Als ich sein Zimmer betrat, lümmelte er in seinem Bürostuhl… Speckige graue Wildlederjacke, beide Füße übereinander geschlagen auf dem Schreibtisch. Als ich ihm meine Arbeiten vorlegte, bewegte er sich nicht. Ein flüchtiger Blick und sein Urteil war klar. „Was ist denn das für eine Schmiererei?“ fragte er beiläufig, ohne dass er eine Antwort erwartete. Überrascht und sprachlos verließ ich sein Büro und machte mich erneut an die Arbeit. Ich gab alles und habe mir mehrere Nächte um die Ohren geschlagen.

Aufgeben ist keine Option
Das Werk war fertig. Es sah aus wie ein Foto. Einfach perfekt. Jetzt folgte die gleiche Prozedur. Die gleiche Situation im Büro des Professor K.: „Schon besser, aber immer noch eine Schmiererei!“ bemerkte er ohne Anerkennung, ohne Lob. Ich spürte nur Schmerz. Zu diesem Zeitpunkt hatte ich noch keine Vorstellung davon, wie sein Urteil meine berufliche Entwicklung befeuern würde.

Fachwissen ist lediglich die Voraussetzung
Dieses Erlebnis hat meine Einstellung grundlegend verändert. Jetzt hatte ich eine grobe Vorstellung von Spitzenklasse. Und davon, dass ich noch einen weiten Weg vor mir hatte.

Heute bewegt sich mein Unternehmen Design Tech auf Weltklasseniveau. Professor K. hatte mit dieser Aktion einen entscheidenden Beitrag dafür geleistet.

Der Weg zur Weltklasse
Nicht das Fachwissen, das ich in 8 Semestern Industrial Design-Studium mitgenommen habe, war entscheidend für den Erfolg, sondern die markanten und schmerzlichen Nadelstiche meiner Dozenten haben mich geprägt und voran gebracht.

Grenzerfahrung
In der Industrie erlebe ich zu oft, dass die Unternehmen im übertragenen Sinn mit der „Schmiererei“ zufrieden sind, weil sie die Anstrengung scheuen und daher den steilen Weg nicht gehen wollen, der voran bringt, nach oben führt, und dann den erfolgsentscheidenden Unterschied macht.

Ich bin stolz auf jene Auftraggeber, die diesen Schmerz auf dem Weg zur Weltklasse aushalten wollen und können und schließlich dafür immer auch den unternehmerischen „Lohn“ bekommen.

Dafür bin ich dankbar
Erst vor wenigen Tagen hatte ich ein Gespräch mit dem Projektteam bei einem Kunden, das diesen harten Weg gegangen ist, immer wieder vor dem Aufgeben stand und heute weiß, dass sie weit über das Projekt hinaus eine Lektion gelernt haben, die das Unternehmen an die Spitze bringt.

 

 

Jürgen R. Schmid

Design Tech

 

www.designtech.eu

 

 

 

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