Hingabe oder Fegefeuer

Bereits in jungen Jahren habe ich erkannt, dass Gartenarbeit nicht zu meinen Lieblingsbeschäftigungen gehört. Unglücklicherweise hatten meine Eltern einen Schrebergarten. Als Schüler hatte ich jeden Herbst die Aufgabe, eine Stunde lang im Garten umzugraben. Jetzt hatte ich die Wahl: Entweder mit Widerwillen diesen Dienst zu verrichten oder mit Spaß. Ich entschloss mich dazu, es sportlich zu sehen und hatte mir zum Ziel gesetzt, in dieser einen Stunde mehr zu schaffen als jeder andere .
Das war eine mächtige Herausforderung und ich arbeitete pausenlos und blitzschnell. Für mich ging es exakt 60 Minuten um die Meisterschaft. Zugegeben, als mein Soll abgelaufen war, habe ich den Spaten sekundengenau fallen lassen. Trotzdem hatte ich in dieser Stunde mächtig Spaß. Erst vor wenigen Tagen hat mich meine Mutter darauf angesprochen.
Sie wusste bis heute nicht, weshalb ich so schnell gegraben habe, denn mein Auftrag von eine Stunde war in jedem Fall 60 Minuten, ob ich bei der Durchführung schnell oder langsam war.

 


Müssen oder Wollen? Es ist Ihre eigene Entscheidung

 

Vom Müssen zum Wollen

Ich muss Gartenarbeit machen, muss zum Einkaufen gehen, muss früh zu Bett, muss zum Termin, muss Sport machen, muss abnehmen, muss dringend meinen Urlaub buchen. Muss, muss, muss…? Keiner zwingt uns dazu.
In unseren Sprachgewohnheiten verwenden wir häufig das Wörtchen „müssen“ und geben damit unserem Unterbewusstsein die ungünstige Botschaft, dass wir dies und das ungern tun und es eben erledigt werden muss. Selbst angenehme und positive Tätigkeiten werden so zur lästigen Pflichterfüllung. Mir ist bis heute nicht klar, wie sich das „müssen“ in unsere Köpfe eingeschlichen und fest verankert hat. Es fällt uns nicht einmal auf, dass wir beim „müssen“ unserem Inneren suggerieren, dass etwas getan werden muss, was wir offensichtlich nicht tun wollen. Was würde passieren, wenn wir es sein lassen? Vielleicht verärgern wir jemand, dessen Erwartungen wir nicht erfüllen oder wir haben ein schlechtes Gewissen.

 

Positive Bilanz

Wenn in Hamburg die Rolling Stones spielen und ich gerne dabei sein möchte, die Fahrt dorthin allerdings als lästig empfinde, dann hilft mir es, wenn ich eine einfache Bilanz erstelle. Wie sehr will ich die Stones live hören, und wie wenig habe ich Lust auf eine längere Reise dorthin?
Wir könnten auch morgens im Bett bleiben, wenn wir nicht aufstehen wollen. Im schlimmsten Fall verlieren wir den Job oder bekommen den Auftrag nicht. Die Bilanz ist entscheidend. Wenn ich meinem Kunden respektvoll begegnen möchte, dann will ich bei konsequenter Betrachtung auch rechtzeitig aufstehen, um pünktlich zu sein.
Aufwand und Nutzen, Disziplin und Lust. In jedem Fall muss meine Bilanz positiv aussehen. Davon leite ich meine Entscheidung ab was ich tue und was ich lasse.

 

Niemand muss müssen

Der Rektor einer Schule hat mir kürzlich sein Leid geklagt, dass er mit dem Kollegium, das er bei seinem Amtsantritt vorgefunden hat, zusammenarbeiten muss. Daraufhin fragte ich ihn, ob ihn jemand gezwungen hat, den Job anzunehmen oder ob er genau an dieser Schule arbeiten will. Seine Antwort ist entscheidend. Beim „müssen“ quält er sich, beim „wollen“ werden Hindernisse zu Herausforderungen.
Als Inhaber von Design Tech möchte ich nur mit Menschen zusammenarbeiten, auf die ich mich freue, wenn ich sie sehe.
Als Designer möchte ich nur Projekte machen, die erfolgsversprechend sind, also verzichte ich konsequenterweise auf alles andere.

 

Entscheidend ist das Finale

Wenn ich mich bei dieser Sichtweise genau beobachte, fällt mir auf, dass ich positive Ergebnisse erziele und Freude am Tun habe. Wichtig ist, dass man einen Sinn hinter der Tätigkeit sieht, dann wird sie angenehm und positiv.
Und wenn es keinen Sinn macht , dann lasse ich es komplett. Manchmal gefällt mir jedoch beim Unterlassen die Konsequenz nicht, dann richte ich den Blick auf das Ergebnis in der freudigen Erwartung auf das Finale. Ich habe zweifellos festgestellt, dass sich viele Arbeiten von alleine erledigen, wenn man sie nicht erledigt. Das braucht hin und wieder etwas Mut.

 

Der Mähroboter

Manches mal schleicht sich auch heute noch das „Müssen“ in meine Sprech- und Denkwelt ein, dann stoppe ich sofort und ersetze „müssen“ durch ein überzeugtes „wollen“. Dann wird aus Widerwille Freude. Wenn es sich mir trotz genauer Prüfung nicht erschließt, weshalb etwas getan werden muss, dann lasse ich die Arbeit freudig liegen und mache etwas, das mir wichtig erscheint.

Übrigens, meinen Garten mäht seit Jahren ein Roboter, und der macht seine Arbeit ausgezeichnet.

 

 

Ihr Jürgen R. Schmid

Weblinks:
www.designtech.eu
www.maschine2020.de

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