Unperfekt starten oder perfekt zögern

Auf meine Selbstständigkeit hatte ich mich sehr gut vorbereitet. Mit einer überzeugenden Geschäftsidee – Industrial Design für Maschinenbau – einem schlüssigen Marketingkonzept, zeitgemäßem Equipment, Visitenkarte, auch die Finanzierung hatte ich gewissenhaft gerechnet. Ich habe eine perfekte Ausgangslage geschaffen. Ein halbes Jahr später war alles ganz anders. Eine veränderte Situation, neue Erkenntnisse. Das ursprüngliche set up war nutzlos und wertlos. Fast!
Jetzt waren gezielte Korrekturen gefragt, die den neuen, aktuellen Stand berücksichtigten.


Ab jetzt wird alles gut. Oder?

 

Dortmund gegen Schalke 04 (11 / 2017)

Aus einer 4:0 Führung wird ein enttäuschendes 4:4. Auch beim Fußballspielen ist dieses Prinzip zu beobachten: Die Spieler haben sich im Training fit für das Spiel gemacht, der Coach hatte eine ausgefeilte Strategie, der Gegner wurde bis ins Letzte analysiert, die Aufstellung ist sorgfältig überlegt. Auch alternative Taktiken sind vorgedacht und vorbereitet.
Zuverlässig kommt alles anders als geplant und die Qualität des Nachjustierens stellt sich als spielentscheidend heraus.

Jamaika Koalition (11 / 2017)

Das beobachten wir auch in der Politik: Tage, Wochen und Monate wird diskutiert, alle Meinungsverschiedenheiten, Programmpunkte und mehrere hundert Verhandlungspositionen kommen auf den Tisch, um für eine neue Koalition eine optimale Voraussetzung zu schaffen für die zukünftige Regierungszeit.
Viel Zeit ist vergangen. Wichtige innen- und außenpolitische Entscheidungen mussten warten. Dann, endlich geht es los und alles kommt anders und das bestmögliche Nachjustieren ist die zentrale Herausforderung.

Das Set up

Nicht, dass Sie mich falsch verstehen: Eine Vorbereitungs- und Denkphase ist enorm wichtig. Auch die Erkenntnisse durch die Auseinandersetzung mit den zentralen Themen in der Vorbereitung entpuppen sich später oft als ein wichtiger Schatz.
Ich habe beobachtet und die Erfahrung gemacht, dass es nicht gelingen kann, im Vorfeld alle Eventualitäten zu diskutieren und zu klären, die in den nächsten Jahren auf uns zukommen werden.

Im Perfektionismus, dem Zwang, alle Interessenspunkte und Einflussgrößen zu klären und zu kontrollieren, zerreiben wir uns und verlieren wertvolle Zeit. Nicht selten scheitert daher das Projekt, bevor es begonnen hat. Nur die fünf wichtigsten Eckpunkte sollten unbedingt im Grundsatz geklärt sein und passen, der Rest braucht Flexibilität, denn es kommt anders als gedacht. Die Kunst der Vorarbeit besteht also darin, die Eckpunkte auf den Kern einzu-dampfen und diesen dann intensiv zu durchdenken und Einigkeit und Klarheit zu erreichen.

Das Innovationsprojekt

Viele unserer Kunden stöhnen zunächst und sehen das Thema viel komplexer, als dass man es derart reduzieren könnte. Am Ende sind wir uns fast immer einig, dass wir den Kern identifiziert haben und das Projekt in die Umsetzungsphase gehen kann. Dann wird situativ nachgebessert. Der Weg ist niemals so geradlinig, wie wir das uns vorher ausgedacht haben.

Über die Alpen

Die Planung ist eine Idealvorstellung. Die Realität ist nicht überschaubar wie eine Landebahn, sondern wie eine Alpenstraße. Nicht der geradlinige Tunnel, sondern Kurven, steile Steigungen, Gefälle und Serpentinen führen uns zum Ziel.
Bei jedem Projekt. Persönlich und im Projektgeschäft. Auch private Projekte und Unternehmensziele erreichen wir immer über Stock und Stein. Nur die Medienberichte wollen uns im Nachgang erklären, dass eine gute Ausgangssituation fast zwingend und automatisch zum Erfolg führt.

Im Übrigen: die Passstraßen sind auch schöner und machen mehr Spaß als ein trister Tunnel.

Meine persönliche Maxime
Nicht das perfekte set up, sondern das bestmögliche Nachjustieren bei der Durchführung ist entscheidend.

 

Ihr Jürgen R. Schmid

Weblinks:
www.designtech.eu
www.maschine2020.de

 

 

1Kommentar
  • Rainer Bach
    Veröffentlicht um 11:55h, 11 Dezember Antworten

    Passt wieder perfekt auf meine Erfahrungen, leider sehen dies viele Entscheider anders….

    …Frag an Sie Herr Schmid apropos Passstraßen: sind Sie Motorradfahrer?
    Schönen Advent
    Rainer Bach

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