Wie ich vom Thema Bildung zur Besinnung kam

Wenn wir von Bildung sprechen, dann meinen wir häufig die Ausprägung von geistig-kulturellen Fähigkeiten und Kenntnissen. Insbesondere das Wissen, das wir uns an Schulen und Universitäten angeeignet haben. So kommt es, dass wir in unserer Leistungsgesellschaft Menschen entsprechend ihrer formalen Bildung bewerten oder Gefahr laufen, auf Menschen mit einem geringeren Bildungsgrad herabzusehen. Dass es im Leben jedoch um so viel mehr geht, hat mir wieder einmal folgendes Erlebnis gezeigt.


Wir laden Sie ein, mit uns Besinnlichkeit zu tanken!

 

Ein Gespräch öffnete mir die Augen

Vor einigen Tagen hatte ich ein wertvolles Gespräch, bei dem ich eine vorschnelle Bewertung vorgenommen hatte. Mein Gesprächspartner war in einem kleinen Dorf im Allgäu aufgewachsen, wo er inzwischen – mit über 50 Jahren – wieder lebt und heute ein angesehener und führender Effizienzexperte ist. Im Laufe der Unterhaltung ließ ich mich zu kritischen Äußerungen hinreißen und verbrannte mir damit ordentlich die Zunge.

 

Mein Gesprächspartner blieb respektvoll

Danach erzählte mir mein Gegenüber sehr geduldig und respektvoll folgende Geschichte: Ein gebildeter und angesehener Mann verbrachte seinen Urlaub in der abgelegenen Region seiner Allgäuer Heimat. Bei einer kleinen Wanderung kam er an einer Alm vorbei. Dort stieß er auf einen Bauern, den er mit einer gewissen überheblichen Stimmlage und entsprechend selbstbewusster Körpersprache in ein Gespräch verwickelte. In dem Bewusstsein, diesem armen Bauern mit seinem enormen theoretischen Wissen weit überlegen zu sein, hielt er ihm kurzerhand und ungefragt einen Vortrag. Er ließ ihn wissen, wie die Welt funktioniere und ebenso, dass Leben ohne Bildung nicht zeitgemäß sei.

 

Geduldig lauschte der Bauer den Belehrungen

Die beiden gingen schließlich eine kleine Wegstrecke gemeinsam. Geduldig lauschte der Bauer den Belehrungen. Ihm war durchaus klar, dass das Leben einen unerschöpflichen Fundus an Lehrmaterial bereit stellt. Beide bewunderten indes das Schauspiel der blühenden Natur. Der bescheidene Almbauer nutzte schließlich eine kleine Sprechpause und richtete seine ganze Aufmerksamkeit auf die unscheinbaren Pflanzen am Wegesrand und er war irgenwie verwundert, wie wenig Wissen der Gast über all diese Themen hatte.

 

Wer ist der wahrhaft Gebildete?

Was der Gelehrte wohl nie erfahren wird: Der fröhliche Bauer verfügte über einen reichen Wissens- und Erfahrungsschatz über die Pflanzen- und Tierwelt. Er konnte es förmlich riechen, wenn es Regen geben würde und wußte, wie vermeintliches Unkraut Menschen gesund und beim Anblick sogar glücklich machen konnte. Er lebte in unmittelbarer Verbindung zu den Tieren, deren Fleisch und Käse jedermann verfügbar später einmal gekühlt im Supermarkt landen würden. Eine seiner wichtigsten Erkenntnisse aber war, dass ein menschenwürdiges und freudvolles Leben nicht an Universitäten erlernt und vermittelt werden kann.

 

Mein Verhalten war mir äußerst unangenehm

Sie können sich vorstellen, wie unangenehm mir meine robusten Äußerungen von vorher nach dieser Geschichte waren. Schmerzlich erkannte ich, wie schnell und unreflektiert mir eine von Vorurteilen behaftete Einschätzung von Menschen über die Lippen kommt. Sie war noch immer zu sehr von den allgegenwärtigen Regeln des wirtschaftlichen Erfolgs und der gesellschaftlichen Anerkennung geprägt. Dabei hat dieser gedankliche Automatismus wenig mit meinen tiefsten Überzeugungen, meinen eigenen Werten, Bedürfnissen und Wünschen zu tun.

 

Menschenwürdiges Leben braucht nicht ‚immer mehr‘

Wie oft klagen wir über Stress, Druck, Depressionen und andere Volkskrankheiten und übersehen dabei, dass innere oder äußere Antreiber uns zwar immer schneller und besser werden lassen, ein so geführtes Leben aber zu keinem ausgeglichenen Leben taugt. Wir streben nach immer mehr und bekommen häufig immer weniger.

 

Mein Geist weitete sich

Nach diesem Gespräch war es, als weitete sich mein Geist. Mir wurde neu bewusst, wie wichtig es ist, Freundschaften intensiv zu pflegen und meiner Familie konzentriert liebevolle Aufmerksamkeit zu schenken. Zu oft fiel beides meinem Ehrgeiz und Enthusiasmus und den vermeintlich unvermeidlichen Anforderungen des Alltags zum Opfer. Dieses Erlebnis bestärkte mich neu, auch weiterhin konsequent auf meine körperliche und geistige Gesundheit zu achten. Wer jemals einen Mangel in einem dieser bedeutenden Lebensbereiche erfahren hat, weiß um deren unsagbaren Wert.

 

Wahre Bildung schenkt Beachtung und Respekt

In nahezu allen wissenschaftlichen Bildungstheorien gilt als Zeichen von Bildung das reflektierte Verhältnis zu sich, zu anderen und zur Welt. Auch für mich hat Bildung etwas damit zu tun, dass wir diesen – im wörtlichen und übertragenen Sinne – kleinen Pflanzen am Wegesrand Beachtung und Respekt schenken. Sonst laufen wir Gefahr, dass unser Lebensweg einseitig, kopflastig und schlussendlich trostlos wird. Und auch, dass wir nur noch unser Hamsterrad haben, wenn wir eines Tages daraus aussteigen wollen.

 

Trotz leidenschaftlichem Engagement für Balance sorgen

Ich bin ein leidenschaftlicher Industrial Designer und meine Industrie Projekte sind meine Berufung. Daher bin ich jederzeit potenziell gefährdet, die Ausgewogenheit und damit das Lebens-Gleichgewicht zu verlieren.
Von ganzem Herzen möchte ich Sie heute einladen, gemeinsam mit mir in diesen Weihnachtstagen neue BeSINNlichkeit zu tanken.

 

Ihr Jürgen R. Schmid

Weblinks:
www.designtech.eu
www.maschine2020.de

1Kommentar
  • Jörg Eugster
    Veröffentlicht um 07:37h, 21 Dezember Antworten

    Lieber Jürgen, wie wahr, wie wahr. Ich ärgere mich auch oft, wenn an irgendeiner Konferenz ein hochdotierte Professor spricht, das Thema aber oberflächlich beleuchtet, eine unwichtige Studie, die er oder seine Studenten durchgeführt haben, präsentiert. Dann gibt es aber die Praktiker, die nicht Professor sind, die keinen Doktortitel haben, nicht einmal einen Hochschulabschluss haben. Die wissen aber aus der Praxis und durch die tägliche praktische Anwendung viel, viel mehr als jeder Professor. Und die werden dann nicht so stark beachtet wie eben der Professor, nur weil er Professor ist.

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