Martin Winterkorn und ich

Wusste er vom Dieselskandal bei VW oder wusste er es nicht? Wir werden es nie erfahren. Insider und Vertraute sind fest davon überzeugt, dass er tatsächlich nichts wusste und nach dem Angriff von Justiz und Presse ein gebrochener Mann ist.

Jeder hat seinen eigenen Abgasskandal
Jeder hat seinen eigenen Abgasskandal

 

Lug und Trug

Wie konnte er denn, als ehrlicher Mann, wie ihn viele sehen, in diese Situation kommen?
Nehmen wir einmal an, er ist zu 99% ein aufrichtiger Mann. Das ist ein sehr, sehr hoher Wert.
Dennoch bleibt 1% Lug und Trug. Mindestens dieses eine Prozent tragen wir alle in uns. Das bedeutet, bei 100 Entscheidungen ist zumindest eine unsauber. Vielleicht war er in einem kurzen Moment auch nur nicht entschlossen genug dagegen, und das Unheil hat seinen Lauf genommen. Bei Martin Winterkorn ist es ein großes Unheil, in meiner kleinen Welt wäre es ein relativ kleineres Unheil. Aber absolut betrachtet ist es für mich persönlich dennoch ein große Katastrophe.

 

Denken ist die Vorstufe des Handelns

Wie kommt es dazu, dass wir uns selbst in eine Situation bringen, die eigentlich nicht zu uns passt? Die entgegengesetzt zu unserem Charakter steht? Die uns anschließend peinlich ist oder sogar in eine ungünstige Situation bringt? Grundsätzlich ist meine Erkenntnis: Alles, was ich tue, habe ich vorher schon einmal gedacht. Was ich nicht denke, kann sich auch nicht in einer Tat manifestieren. Ich denke z. B. schlecht über meinen Nachbarn und in einer schwachen Stunde rede ich schlecht über ihn – und die Nachbarschaft ist auf Jahrzehnte oder sogar über Generationen im Eimer. Oder aus einer kleinen Ungenauigkeit bei einer Abrechnung folgt eine größere und eine noch größere und schließlich hat mein verhalten kriminelles Potenzial.

 

Intensive Selbstreflektion

Winterkorn bewegte sich auf der großen Bühne. Und jeder Fehltritt hat große Folgen. Egal, wie groß meine Bühne ist, es macht immer Sinn, die eigenen Gedanken zu reflektieren und in meinem Verhalten konsequent bei meinen Überzeugungen zu bleiben. Anhaltender Erfolg, und das weiß ich aus Erfahrung, macht für die Feinheiten unsensibel. Für mich ist es klar: Egal wie groß mein Spielfeld ist, auf dem ich spiele, das Denken und Verhalten zu reflektieren ist nicht genug. Ich halte es für wichtig, nach den Hintergründen der persönlichen Anfälligkeit intensiv und hartnäckig zu forschen. Je mächtiger die Person, um so dringlicher ist Selbstkontrolle. Und dennoch ist es für jeden Menschen sehr schwer, bei kleinen wie bei großen Dingen sich selbst auf Schiene zu halten. Auch wenn wir es von anderen und besonders von Personen des öffentlichen Lebens erwarten, dass sie zu 100% korrekt sind, bleibt es unrealistisch.

 

Die täglichen Fallen

Ich erlebe es häufig in Kooperationen mit Maschinenbauern und bei Industrial Design Projekten:
Oft habe ich das Verhalten anderer mehr im Fokus als mein eigenes. Mir fällt es viel zu selten auf, wenn ich mit zwei Maßstäben messe. Die Auseinandersetzung damit ist ein lebenslanger Prozess.
Ich will mich nicht mit Herrn Winterkorn vergleichen, vielleicht würde ich dabei gar nicht so gut aussehen.
Aber ich habe mich schon gefragt, welchen Hebel Macht, Geld und Erfolg für uns haben und jederzeit JEDEM von uns große Schwierigkeiten bereiten können. Was macht  das in meiner persönlichen kleinen Welt mit mir selbst? Und wie bleibe ich bei mir selbst? Im Denken, beim Reden und im Handeln?
Der Lärm der täglichen Anforderungen überstrahlt unbemerkt die fehlende Sensibilität unserer Anfälligkeit.

 

Ihr Jürgen R. Schmid

Design Tech

www.designtech.eu

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