Design neu denken

Immer wieder höre ich begeisterte Stimmen, die den Bauhausgedanken in den Himmel der Gegenwart heben, bei aktuellen Projekten und Diskussionen wird er heute noch als Vorbild zitiert. 

Das zeigt mir vor allem eines: Dass wir in unseren Köpfen von gestern sind. Nur zur Erinnerung: Bauhaus wird jetzt einhundert Jahre alt. Und zumindest in meinem Verständnis hat sich in der Zwischenzeit einiges verändert. Überlegungen von damals gehören in die Vergangenheit, sind also bestenfalls als Grundlage der Designausbildung geeignet. Im 21. Jahrhundert haben wir neue Erkenntnisse gewonnen, neue Technologien entwickelt, eine veränderte Gesellschaft geformt: All das fordert eine neue Denkweise. Auch und gerade vom Designer.

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Das Bauhaus ist längst Geschichte

 

Von der Revolution zur Normalität

Nicht dass Sie mich falsch verstehen: Zu recht genießt das Bauhaus auch heute noch größten Respekt. Einer der wegweisenden Grundsätze von der Bauhaus-Schule war die Wiederherstellung der Einheit von Kunst und Handwerk. Das Design richtete sich nach den industriellen Herstellungsprozessen aus. Gropius ging es darum, fertigungsgerecht zu bauen und eine neue Formensprache zu entwickeln: klar und schmucklos. Sie sollte der Zweckmäßigkeit des Objekts entsprechen – „form follows function“ war ein revolutionärer Ansatz.

Doch die Zeiten haben sich geändert. Was gestern revolutionär war, ist heute Standard. So wie das Smartphone, das Navigationssystem oder whatsapp.

Viele Menschen geben sich jedoch noch mit den Errungenschaften von damals zufrieden. Die „Bauhäusler“ selbst würden das gar nicht mehr tun. Walter Gropius wäre damit heute nicht mehr einverstanden. Design muss sich weiterentwickeln, dazu beitragen, dass die Wirtschaft und die Gesellschaft zukunftsfähig werden. Mit dem Bauhaus haben wir laufen gelernt, doch wir dürfen jetzt nicht stehen bleiben.

Raus aus den Kinderschuhen

Im Gegenteil: Jetzt müssen wir alle weiterdenken. Wir trainieren für Olympia. 

Das ist wie bei der Geburt eines Kindes: Erst ist es ein Wunder, dann kommt es in den Kindergarten, in die Schule – es gibt immer einen neuen Schritt, das Kind entwickelt sich immer weiter. Und so ist es auch im Design: Wir müssen uns weiterentwickeln, weit über das Bauhaus hinaus. 

Zeit für neues Denken

Heute werden ganz andere Anforderungen gestellt. Es geht heute vor allem um die Ganzheitlichkeit: Funktion, Gefühl, den Anwender und Anwendbarkeit, den Wettbewerber, Unternehmer, Marke, Preis. Ich könnte ewig so weiter machen. Fakt auf jeden Fall ist: Weder der Grundsatz „form follows function“ noch „form follows emotion“ allein sind nur ein kleiner Ausschnitt des gestalterischen Spielfelds.

Wir können dem Bauhaus dankbar sein für seine innovative Herangehensweise an das Thema Design. Doch jetzt sind wir aufgefordert, die nächsten Schritte zu gehen, Neues zu denken und Neues zu schaffen. Das ist die Aufgabe des Designers.

4 Kommentare
  • Marko Dötsch
    Veröffentlicht um 12:27h, 06 März Antworten

    Ja die Denkweisen sollten sich der Zeit anpassen. Wer hat den Mut…?

    • Jürgen R. Schmid
      Veröffentlicht um 09:16h, 27 März Antworten

      Ja, Mut ist ein notwendiger Begleiter jeder echten Innovation.
      Mutige Unternehmen, mutige Menschen trauen sich was zu!

  • Gunter Ott
    Veröffentlicht um 15:07h, 22 März Antworten

    Lieber Jürgen, ich denke, Du übersiehst hier einfach das Grundsätzliche! Denn: Heute geht doch einfach keiner mehr den Weg „form follows function“, sondern die „Designer“ gestalten einfach drauf los! Vorher ausgiebig fragen, mit den Leuten über die Anwendung sprechen, auch unangenehme Fragen stellen – wer macht das heute noch?! Immer wieder habe ich es erlebt, dass es beim Gestaltungsprozess gar nicht so sehr auf das Ergebnis ankommt, sondern auf die „richtige Frage zur richtigen Zeit“! Vielleicht ist es einfach das, was wir in der Ausbildung der jungen Gestalter „vergessen“ haben? Die können alle ganz toll Alias etc. bedienen, aber sie können nicht mehr gut gestalten, also die richtigen Fragen zum richtigen Zeitpunkt stellen! Und um Schönheit geht es hier nicht wirklich, da hast Du Recht!

    • Jürgen R. Schmid
      Veröffentlicht um 09:16h, 27 März Antworten

      Gute Fragen zu stellen ist in der Tat ein Werkzeug, das die Bauhäusler kultiviert haben und das heute viel zu kurz kommt. Ich schreibe es schon in meinem Buch: Der Anfang jeder Innovation ist eine wegweisende Frage.

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