BER gibt es auch im Mittelstand

Anfang letztes Jahr hatten wir einen anspruchsvollen Workshop mit einem Kunden. Im Fokus stand ein Projektplan. Dem Inhaber und Geschäftsführer war es aus unternehmerischen und strategischen Gesichtspunkten ausgesprochen wichtig, das neue Produkt knapp fünf Monaten bei einer Messe vorzustellen. Ein ehrgeiziges Vorhaben, das war uns allen bewusst. Gemeinsam hatten wir einen ausgeklügelten Plan entwickelt, um das Ziel zu erreichen. Alle Beteiligten waren mit im Boot. Jeder gab sein Commitment. Von da an ging’s bergab. Monatlich wurde der Plan angepasst. Andere Projekte waren dringend. Bald machte man sich nicht einmal mehr die Mühe, den Plan anzupassen. Wir hätte ihn im Wochenrhythmus überarbeiten müssen. Dann passierte das Unglaubliche.

 


Das Feldhasenprinzip: Wichtig ist das, was vor meiner Nase ist.

 

Verzögerungen sind ruinös

Ich kann es bis heute noch nicht fassen. Die Fertigstellung ist für den Herbst 2018 geplant. Wir sprechen hier von einer Verzögerung von eineinhalb Jahren. Kaufmännisch betrachtet ist das ein Umsatzausfall in Millionenhöhe. Unsere Planungen sind Makulatur. Unser Unternehmen arbeitet planlos. Das ist die vernichtende Botschaft an das Projektteam und die gesamte Belegschaft. Ich bin gespannt, ob das Produkt tatsächlich in diesem Jahr dem Markt präsentiert wird. Sie können sich sicher vorstellen, dass auch bei Design Tech die Aufwendungen völlig aus dem Ruder laufen und der Kunde ein Vielfaches an Honoraraufwendungen hat, als die ursprünglich vereinbarten.

 

Keine Ausnahmen

Jetzt denken Sie vielleicht, dass es sich hier um ein mies organisiertes Unternehmen handelt, das einen Einzelfall darstellt. Dann muss ich Ihnen leider antworten, dass solche Verzögerungen keine Ausnahmefälle sind. Ich könnte Ihnen von sehr, sehr vielen solcher Projekte berichten. Und jeder einzelne Fall ist nachvollziehbar, verständlich, erklärbar. Die Liste der Erklärungen und Rechtfertigungen ist lang. Wenn Sie allerdings vermuten, dass diese Unternehmen unser Mitleid verdienen, dann liegen Sie vollkommen falsch. Bei jedem Projekt, privat, persönlich oder im Geschäftsleben, sind uns selbst Verspätungen nur all zu bekannt. Jeder kleine Auftrag, den Sie vergeben, hat die Tendenz, sich hinaus zu zögern .Und ohne Ihren intensiven Nachdruck, der auch viel Kraft kostet, wird er sich verzögern oder sogar außer Kontrolle geraten.

Kürzlich hat mir ein Unternehmer von einem Auftrag erzählt, den er mit der Bemerkung vergeben hat, dass es nicht dringend sei. Sie ahnen es: Es hat sehr, sehr lange gedauert, bis das Projekt erledigt wurde. Denn der Auftragnehmer hatte immer Projekte, die sich vordrängelten – und das waren nicht immer die wichtigen.

 

Keine Verschwendung

Ich selbst gehe oft so vor, dass ich den Auftragnehmer frage, bis wann er meinen Auftrag erledigen kann. Sagt er z. B. bis Ende Mai, dann akzeptiere ich das fast in jedem Fall und setzte in der Folge mit großer Konsequenz und manchmal mit unsympathischer Hartnäckigkeit alles daran, dass dieser Auftrag tatsächlich bis Ende Mai erledigt ist. Ich lasse keine Ausreden gelten. Keine! Mit aller Konsequenz lehne ich auch verzögerte Lieferungen ab. Jetzt sagen Sie vielleicht, dass ich zumindest bei einem unwichtigen Projekt etwas großzügiger sein könnte. Dann sage ich Ihnen, dass ich keine unwichtigen Aufträge weder vergebe noch annehme. Entweder er ist wichtig, oder ich lasse es ganz.

 

Wichtige Projekte

So handle ich auch bei Design Projekten für den Maschinenbau und den Mittelstand. Wenn das Projekt für den Kunden unwichtig ist, dann frage ich mich, warum es dann für mich wichtig sein sollte, dass ich bereit bin alles zu geben und Tag und Nacht darüber nachzudenken, um die beste Lösung zu finden. Damit fahre ich ausgezeichnet. Wenn ich keine Zeit für unwichtige Projekte verschwende, dann habe ich immer genug Zeit und Energie, mich für wirklich wichtige Projekte zu engagieren.

 

Die Belohnung

Ich mache mir darüber Sorgen, wie leichtfertig manche Maschinenbauer viel Geld verlieren und Umsätze verschenken, weil sie ihre eigenen Pläne nicht ernst nehmen und damit Wettbewerbsvorteile vergeben. Projekte wie BER oder die Hamburger Philharmonie sind keine Vorbilder für den Mittelstand. Nein, Sie demonstrieren mit aller Deutlichkeit die kaufmännischen Nachteile von Verzögerungen. In den letzten beiden Jahren habe ich mir intensiv Gedanken gemacht, wie wir unsere Kunden unterstützen können, um sorgfältig entwickelte Zeitpläne strikt zu realisieren. Jetzt habe ich die häufigsten Ursachen aufgedeckt und mit meinem Team erfolgsversprechende Methoden entwickelt.

Unser Kunde Vecoplan, Spezialist für Zerkleinerungs-Anlagen, stellt planmäßig nächste Woche auf der IFAT eine Innovation vor, die die Branche überraschen wird. Profilmetall, führend bei Profilieranlagen, hat punktgenau ein neues Projekt seinen Kunden vorgestellt. Auch die Weiss GmbH, führend in Automationssystemen, hat eine Punktlandung bei Zeit und Qualität erreicht. Alle haben kompromisslos ihren Fokus auf die geplante Markteinführung gerichtet und sind mit dieser Unternehmens-Kultur sehr erfolgreich.

 

In meinem Buch „Standard ist tödlich“ habe ich diesen Aspekt näher betrachtet.


ISBN 978-3-947572-01-4

 

Ihr Jürgen R. Schmid

Weblinks:
www.designtech.eu
www.maschine2020.de
www.werkzeugderzukunft.de

 

 

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