Schlangenbiss durch Siemens-Alstom

Ja, Herr Kerner! – „Wir haben einen verklärten Großmachtblick aus vergangenen Zeiten“ – das sagte der Siemens-Aufsichtsrat und IG Metall-Hauptkassierer Jürgen Kerner nach der geplatzten Fusion von Siemens und Alstom. Die Fusion sollte die europäische Antwort im Wettstreit mit dem chinesischen Staatsunternehmen CRRC Corporation Limited sein, wurde aber von den EU-Wettbewerbshütern gestoppt.

Aus der Innensicht mag das Urteil Sinn ergeben, aber die Rechtsprechung symbolisiert unsere aktuelle Denkweise – und die tickt weder schnell noch global. Ja, ticken wir überhaupt noch richtig?

Zukunftsmärkte, China, Afrika

Wir brauchen den globalen Blick

 

Zukunftsmärkte in Asien – und auch Afrika

Wenn ich in China unterwegs bin, dann höre ich beim Abendessen tatsächlich diesen Namen: Göppingen! Wie viele Tausend Einwohner hat Göppingen? Chinesische Städte haben Millionen, aber wir reden über Göppingen. Nicht viel anders ergeht es mir in Japan, Singapur oder Indien – deutsche Kleinstädte werden genannt! Allein das zeigt: In Asien gibt es unheimliche viele Geschäftsleute, die sich sehr gut in Europa auskennen und den weltweiten Markt analysieren. In Deutschland schaut das anders aus.

Hierzulande frage ich Kunden gerne mal, wie ihr größter Wettbewerber heißt. Die Antwort: Der sitzt in der Nachbarschaft. Kann das sein? Zwar bereisen wir schon als Schüler die ganze Welt, aber im Geschäftsleben denken wir dann keine fünf Kilometer weit. Während die Chinesen längst global agieren, konzentrieren wir uns auf unseren kleinen Mikrokosmos. Doch um Erfolg langfristig zu sichern, muss man nicht nur den aktuellen, sondern auch die Zukunftsmärkte im Auge haben. Und die liegen derzeit im großen Maße in Asien und langfristig auch in Afrika. Dazu kommen ein wenig Amerika, und ein bisschen Europa.

Habachtstellung ist überlebenswichtig

Oft wird mir dann entgegenhalten, dass man das als Mittelständler doch gar nicht leisten könne, die Konkurrenz und die technischen Entwicklungen in China oder Japan zu beobachten. Nicht einmal vor 50 Jahren hätte ich diese Ausrede gelten lassen! Denn die wichtigsten Messen finden seit jeher in Europa statt. Dazu gibt es das Telefon und, ja, mittlerweile auch das Internet.

Viel wichtiger als Entfernungen und Distanzen ist die Wahrnehmung, ein selektiver Blick, dass ich permanent mit dem Wettbewerber rechne. Erst dann nehmen Sie die überlebenswichtige Habachtstellung ein: Die Entwicklungsgeschichte des Menschen zeigt, dass wir lange vor Ästen weggelaufen sind, weil wir Angst vor Schlangen haben. Aber lieber einmal zu viel vor einem Ast davonlaufen, als von der Schlange gebissen zu werden – das muss auch für die Wettbewerbsanalyse gelten.

Umdenken und Umhandeln

In Deutschland besteht derzeit die Gefahr der Selbstüberschätzung – da hat Siemens-Aufsichtsrat Kerner vollkommen recht: Während Asien und Afrika allein schon wegen der Demographie wachsen und wachsen, vernachlässigen wir den globalen Strukturwandel. Wir tragen die lokale Brille und müssen dadurch aufpassen, dass es dem ganzen Land nicht wie einst dem Ruhrgebiet ergeht.

Male ich damit den Teufel an die Wand?

Noch haben wir die Chance nicht nur umzudenken, sondern noch wichtiger: umzuhandeln. Dann wird China nicht die beissende Schlange sein, sondern nur ein Ast, der uns vor der Strukturkrise warnt.

 

Ihr Jürgen R. Schmid

Weblinks:
www.designtech.eu
www.maschine2020.de
www.werkzeugderzukunft.de


In meinem Buch „Standard ist tödlich“ habe ich diesen Aspekt näher betrachtet.


ISBN 978-3-947572-01-4

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