Das Walter Steinmeier-Prinzip



Er war zweimal Außenminister und seit Jahren einer der beliebtesten Politiker, aber seine Wahl zum Bundespräsidenten hat einen Schönheitsfehler. Es ist gut möglich, dass er ein guter Bundespräsident sein wird. Aber warum hätten die 1.260 Delegierten gar nicht zusammenkommen müssen? Es gab einige Kandidaten, und der Sieger stand schon längst fest. Er wurde im ersten Wahlgang gewählt, die Wahl war reine Formsache. Man hat sich im Vorfeld bereits geeinigt. Steinmeiers Wahl war alternativlos.

Starke Gegner machen aus Gewinnern große Gewinner, schwache Gegner machen aus Gewinnern kleine Gewinner

 

Wo bleibt der Mut zur Niederlage?

Nicht nur auf der großen Bühne der Politik fehlt der Mut zur Niederlage.
Dabei weiß jedes Kind, dass starker Wettbewerb wichtig ist, wenn es um die beste Lösung geht. Das gilt auch in der Wirtschaft. Dort beobachte ich, dass diese Praxis zunehmend an Beliebtheit gewinnt. Niederlagen sind out. Es fehlt der Mut zum Fehlgriff. Deshalb werden die Ideen nach dem Prinzip der Wahl des Bundespräsidenten gewählt. Oft geht es nicht um die beste, sondern um die sicherste Alternative, manchmal auch um den kleinsten gemeinsamen Nenner. Andere Ideen werden erst gar nicht zugelassen, nicht einmal ernsthaft diskutiert. Alternativen sind lediglich das Alibi und rechtfertigen die Entscheidungen.

 

Die Stärke der Gegner definiert die Größe der Sieger

Steinmeier könnte ein wirklich starker Bundespräsident sein, wenn er als Gewinner aus einem Wettbewerb mit starken Gegern hervorgegangen wäre. So ist es auch mit Geschäftsmodellen, Produkten und schließlich mit jeder Idee. Es gibt   n i e   nur eine sinnvolle Variante. Wir machen es uns viel zu einfach. Das Fehlen von starken Möglichkeiten schwächt die Kraft der bevorzugten Lösung, die nicht selten im Vorfeld festgelegt wird. „Kein Risiko“, so lautet allzu oft die Devise. Weitreichende, vielversprechende und zukunftsfähige Ansätze werden nicht zugelassen, klein geredet, viel zu früh verworfen.

 

Wie bisher – nur anders

Wenn der Ausgangspunkt das Bestehende ist, gibt es kaum Spielraum für das wirklich Beste. Chancen, die aus der Veränderung kommen und genutzt werden sollten, haben in der Praxis kaum Durchsetzungskraft. Sie brauchen visionäre Befürworter, keine Status-Verwalter. Das führt zwangsläufig zum nächsten Misserfolg. Die vermeintlich risikoärmste Entscheidung ist in der Tat das größte Risiko. Es fehlt die Läuterung, die der harte Kampf um den ersten Platz mit sich bringt. Der Fehlgriff der sicheren Lösung offenbart sich jedoch nicht sofort, sondern im Wettbewerb. Allerdings gibt es später genug Argumente, weshalb die vermeintlich sichere Entscheidung alternativlos war.

 

Der Erfolg braucht Mut

Das Prinzip des Einheitskandidaten führt zur Vergleichbarkeit. Unternehmen werden gleicher. Menschen in Unternehmen werden gleicher, Produkte werden gleicher… Der Unterschied wird unter den Teppich gekehrt, bevor er seine Qualitäten zeigen kann. Wir fordern den ungleichen Kampf. Eine starke Idee gegen wenige schwache.
So werden wir nie erfahren was möglich gewesen wäre, wenn wir nicht das Beste gegen das Allerbeste antreten lassen. Was fehlt, sind weitreichende Innovationen. Wir tauschen Sicherheit gegen Fortschritt.

 

Zukunftsfähige Entscheidungen brauchen starke Alternativen

Kleine und große Entscheidungen werden außergewöhnlich, wenn wir immer das Beste geben bei der Entwicklung von Varianten… und diese herausragenden Varianten gegeneinander ins Rennen schicken. Wenn wir Risiken  akzeptieren und neues Denken sanktionsfrei zulassen. Am Ende trennt der Wettbewerb rücksichtslos die Spreu vom Weizen.

 

Ihr Jürgen R. Schmid

Design Tech

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4 Kommentare
  • Jost Friedrich
    Veröffentlicht um 10:04h, 09 März Antworten

    Genau richtig diese Zwickmühle kommt mir sehr bekannt vor Gruß Jost Friedrich

    • Jürgen R. Schmid
      Veröffentlicht um 18:54h, 24 April Antworten

      Mit etwas Mut eine handhabbare Zwickmühle, wie ich meine. Viel Erfolg beim Mühlespiel. Viele Grüße von Jürgen R. Schmid

  • Rainer Bach
    Veröffentlicht um 16:09h, 13 März Antworten

    Wohl gesprochen, aber a propos kleine Entscheidungen, weshalb jetzt die Farbe rot als Encadrement? Gelb fand ich deutlich innovativer 😉
    LG Rainer Bach

  • Jürgen R. Schmid
    Veröffentlicht um 18:52h, 24 April Antworten

    …. aber immerhin ist es ein arterielles Rot. Vital, prall gefüllt mit Sauerstoff 🙂 und besser lesbar obendrein. Danke für den Hinweis !

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