Eigenverantwortung bei 130 km/h

Kennen Sie noch den alten ADAC-Slogan? „Freie Fahrt für freie Bürger“ – was für ein Quatsch! … dachte ich früher. Aber mittlerweile – und besonders jetzt, da über das Tempolimit 130 diskutiert wird –, glaube ich, dass an dem Spruch schon etwas dran ist. Nicht unbedingt, weil ich in Tübingen vor lauter 20er-, 30er-, 40er-, 50er- oder 60er-Zonen ohnehin nur noch selten weiß, wo ich gerade fahre. Auch nicht, weil ich die Zahl der Verkehrstoten verharmlose, den Klimawandel leugne oder vom ADAC eine Jubiläumsnadel geschenkt bekommen habe.

Sondern: Weil mich eine Vorschrift Tempo-130 an etwas ganz anderes erinnert.

Das unterschätzte Korsett der Vorschriften und Gesetze

 

Vorschriften sind der Innovationen Tod

Erst neulich hatten wir bei Design Tech wieder so eine tempolimitierende Diskussion mit einem Kunden. Der Manager ist sonst rasant unterwegs: Er fliegt ins Silicon Valley, besucht Firmen wie Google und Apple und informiert sich über die neuesten Trends. Aber was passiert in dem Gespräch? Er will uns für die Zusammenarbeit nahezu alles vorgeben. Besser gesagt: Er muss. Denn in seinem Unternehmen gibt es jene Regeln. Diese Vorschriften. Und dazu noch ein paar Regelvorschriftsregeln. Glauben Sie, dass derartige Stotterfahrten Ideen oder Technologien ausspucken? Ästhetik? Innovation?

Als Unternehmer müssen wir in der Arbeitswelt dafür sorgen, dass die Kreativität unserer Mitarbeiter zwar mit einem klaren Rahmen gesteuert wird, jedoch nicht von Regeln und Vorgaben eingeschränkt wird. Je mehr Vorschriften es gibt, desto stärker wird den Menschen die Fähigkeit, Verantwortung für das eigene Handeln zu übernehmen, abtrainiert. Ja, Vorschriften sind der Tod der Eigenverantwortung! Denn wenn alles geregelt ist, befolgt der Mitarbeiter Anweisungen. Er verwaltet. Ob es sinn- oder rücksichtsvoll ist? Egal. Und wenn etwas schief läuft? Hat der Schuld, der die Regel gemacht hat. Denn: „Ich habe ja alles richtig gemacht!“

Freiheit in Leitplanken

Wenn wir Innovation und Entwicklung voranbringen wollen, dann müssen wir das freie Denken erlauben. Wir brauchen Mitarbeiter, die sich auch mal trauen, aus der Box zu springen, die sich eine eigene Meinung bilden, etwas hinterfragen, eine sinnvolle Lösung suchen – und: gestalten wollen. Diese Mitarbeiter finden Sie nicht, wenn wir alles und jeden in ein Korsett aus Regeln, Vorschriften und Gesetze zwängen. Sondern, indem Sie und ich Eigenverantwortung zulassen, fördern und fordern. Natürlich braucht es Leitplanken, innerhalb derer Sie der Kreativität und Gestaltungskraft freien Lauf lassen. Aber über die Geschwindigkeit müssen sich die Selbstdenkenden selbst Gedanken machen. 

130 km/h stoppen keinen Klimawandel

Und was beutetet das für die 130 km/h auf Autobahnen? Was würden Sie denken, wenn es nun Fahrverbot um Fahrverbot und Tempolimit um Tempolimit gibt? Dass die Politiker die Medien und den Mainstream befriedigen? Sie sich um nichts mehr kümmern müssen? Vielleicht ja ein bisschen … und manch einer – nicht Sie! – womöglich auch, dass der Klimawandel dann gestoppt ist.

Lassen Sie uns die Diskussion um Tempolimits als Weckruf verstehen. Aber nicht für die Politik, sondern für jeden Einzelnen, Verantwortung für das eigene Verhalten zu übernehmen und umsichtig zu handeln. Könnten Sie sich vorstellen, in einem Wohngebiet einfach nur deshalb langsamer zu fahren, weil es sinn- und rücksichtsvoll ist?

 

Ihr Jürgen R. Schmid

Weblinks:
www.designtech.eu
www.maschine2020.de
www.werkzeugderzukunft.de

1Kommentar
  • Alfed Birke
    Veröffentlicht um 11:39h, 13 Februar Antworten

    Ein wirklich „vorbildlicher (!) Beitrag“ (!) der es schafft, das diskutierte Tempolimit exemplarisch auch auf sonstige Gängelungen in Bezug zu setzen.
    „Freie Fahrt“ ist keinesfalls gleich zu setzen mit einer Art „Aufforderung zum Rasen“ (!) wie man uns gerne weiß machen möchte.

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