Einfachheit nutzbar machen

Unser menschliches Gehirn ist glücklicherweise so angelegt, dass wir auch mit komplexen Abläufen nach einer Trainingsphase klar kommen. Ich denke dabei an das Autofahren mit einem Schaltgetriebe. Nach anfänglichen Schwierigkeiten läuft unsere Koordination im Unterbewussten und automatisch. Schalten, bremsen und Gas geben. Alleine das Bremspedal ist ein Wunderwerk. Mit einem Fußtritt wird das verborgene komplexe System der ABS-Technik in Gang gesetzt. Aus fast unerklärlichen Gründen können wir diese Komplexität beherrschen und in unserem Alltag nutzen. Durch Erfahrung, Unterbewusstsein und Routine.

 


Erfolgreiche Markenprodukte brauchen eine hohe Wiedererkennung!
Beim „üblichen“ Design ist diese Position eindeutig unberücksichtigt.

 

Am Anfang steht die Komplexität

Ich mache selbst immer wieder die Erfahrung, dass uns die Komplexität der Dinge im Wachzustand hält, weil sie unsere Aufmerksamkeit fordert und damit unsere grauen Zellen trainiert. Auf das unverzichtbare NAVI verlassen wir uns blind. Es zeigt uns den Weg bis zum Ziel – und oft wissen wir nicht einmal, WO wir hinfahren. Wir kennen nur den Zielort, haben das geografische Gefühl vollkommen ausgeschaltet oder schon verloren. Das hat langfristig Konsequenzen, nicht nur bei unserer Geografie-Kenntnis, sondern auch für unsere Denkfähigkeit und Lebensintelligenz.

Die Suche nach mehr Komplexität

Einfachheit ist, isoliert betrachtet – ohne Zusammenhang, ohne Beziehung und ohne Zielfoto – komplett wertlos. Einfachheit bekommt erst ihren Wert in der Beziehung zur spezifischen Ausgangssituation, den zentralen Anforderungen und dem Profil des Nutzers. Um das gesamte Beziehungsgeflecht zu identifizieren geht es zunächst darum, die sichtbare, offensichtliche Vielfalt durch alle nicht offensichtlichen Informationen und Aspekte  erheblich zu erhöhen, bis das gesamte System erfasst ist, um dann das Wesentliche herauszuarbeiten, in dem alles unwesentliche entfernt wird.

Einfachheit ist nicht übertragbar

Als Designer forsche ich zu Beginn eines Projektes oder einer allgemeinen Problemstellung akribisch nach allen denkbaren Einflussfaktoren. Diese werden von mir nach ihrem Inhalt untersucht. Ohne Wertung und Bewertung. Am Anfang ist alles von Bedeutung. Jede Kleinigkeit bekommt Beachtung. Anschließend habe ich eine äußerst umfangreiche und  komplexe Informationsfülle. Oberflächlich betrachtet haben diese Informationen oft keine Zusammenhänge, es handelt sich um eine unstrukturierte Ansammlung.

Die vitale Einfachheit

Bei einer sorgfältigen Analyse und intuitiver Betrachtung finde ich regelmäßig „nicht offensichtliche“ Strukturen und entdecke im tiefen Inneren verborgen unerwartete Schätze. Die zunächst toten Verbindungen erwachen zum Leben, wenn ich die Hauptschlagadern identifiziere. Die vitalen Kanäle also, die dem System sein eigenständiges, unverwechselbares Leben einhauchen. Das ist Vereinfachen.

Die falsche Einfachheit neutralisiert

Ich analysiere oft Produkte und Maschinen, die einen Designaward bekommen haben. Einige sind soweit vereinfacht, dass sie völlig neutralisiert sind. Verwechselbar. Austauschbar. Sie könnten von jedem für jeden sein und stehen damit für nichts. Diese Herangehensweise ist nicht das Erfolgsrezept von Design Tech bei Industrial Design Entwicklungen.

Von der Komplexität zur Individualität

Wenn unser Design Tech-Team ein neues Maschinendesign entwickelt, schaffen wir zunächst durch eine maximale Informationsvielfalt, die das gesamte Umfeld erfasst, eine enorme Vielschichtigkeit. Hinzu kommen die technische Komplexität und die gesammelten Anforderungen aus dem Pflichtenheft eines Maschinenprojektes. Alles in allem eine fast unbeherrschbare Kompliziertheit. Erst wenn wir dieses gesammelte Faktenvolumen vollständig erfasst und verstanden haben, dann folgt die Phase des konsequenten Weglassens.

Einfachheit braucht Eigenheit

Wenn wir so weit sind, dass es nicht mehr einfacher geht, ergänzen wir das Produkt gezielt durch eigenständige Merkmale, welche die Besonderheit des Produktes betonen und dem Produkt eine hohe Wiedererkennung verleihen. Erst, wenn wir unseren Entwurf mit drei Linien auf ein Flipchart skizzieren können und der Charakter dieses Produktes für jedermann eindeutig erkennbar ist, dann sind wir auf dem richtigen Weg.

Diese Systematik des Weglassens bezieht sich nicht nur auf die Wirkung, sondern ist für jede funktionale, technische und emotionale Ebene anzuwenden. Vereinfachungsprozesse sind nur erfolgreich, wenn eine bewusste Entscheidung des Weglassens getroffen wurde.

 

Ihr Jürgen R. Schmid

Weblinks:
www.designtech.eu
www.maschine2020.de
www.werkzeugderzukunft.de


In meinem Buch „Standard ist tödlich“ habe ich diesen Aspekt näher betrachtet.


ISBN 978-3-947572-01-4

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