Frugal ist brutal



Ein Bildhauer arbeitet sorgfältig und konzentriert an einem Steinblock. Noch ist nicht zu erkennen, was es einmal werden soll. Er hat jedoch ein klares Bild vor Augen und eine genaue Vorstellung davon, was er entfernen muss, bis seine Skulptur vollendet ist. Erst wenn er alles abgeschlagen hat, was nicht seiner Vorstellung entspricht, wird seine Vorstellung  sichtbar: Ein Buddha! Hätte er an einer Stelle zu viel oder an einer anderen Stelle zu wenig entfernt, wäre die Figur unvollkommenen oder gar nicht erkennbar.


Alles was stört muß weg!


Digitale Entscheidungsprozesse

In der modernen Welt der additiven Fertigung haben wir die gleiche Voraussetzung: Der Ingenieur muss ein genaues Bild vom Ergebnis haben. Der 3D-Drucker muss genau programmiert werden. Kleine Fehler führen zu großen Veränderungen im Ergebnis. Erst, wenn das Material genau an der richtigen Stelle angebracht ist, ist das Zielprodukt fertig.
Soweit so gut. Wir wissen jetzt, dass man eine genaue Vorstellung vom Ergebnis haben sollte und dass es wichtig ist, dass nicht zu viel, aber auch nicht zu wenig vom Steinblock entfernt werden darf. Sonst ist das Ergebnis wertlos.

 

Wann ist ein Produkt erfolgreich?

Bei der Produktspezifikation ist das ein vergleichbarer Prozess.
Erst vor wenigen Tagen hatte ich ein Gespräch mit einem Maschinenbauunternehmer. Er hat nur High End-Produkte im Programm und will jetzt sein Portfolio mit einer Low Cost-Produktlinie ergänzen. Seine Ingenieure, Verkäufer und Produktmanager haben eine lange, umfangreiche Wunschliste zusammengestellt. Jeder von ihnen hat viel Erfahrung und weiß, welche Funktionen der Markt braucht. Als ich den Anforderungskatalog studiert hatte, sah ich ein neues High End-Produkt. Weit weg von der geforderten preiswerten Alternative!

 

Die Falle

Das High End-Produkt hat einen Verkaufspreis von 20.000,- EUR. Das preiswerte Produkt ist für 7.000,- EUR zu haben. 95%  der Käufer, die bisher das High End-Produkt gekauft haben, sind jetzt mit dem preiswerten Produkt vollkommen zufrieden. Der Absatz des High End-Produktes bricht weg. Was ist passiert?

 

Wenn das Beste das Schlechteste ist

Das Low Cost-Produkt wurde im Entwicklungsprozess so sehr aufgerüstet, dass kaum jemand mehr das teurere Produkt braucht. In der Konsequenz entgeht dem Maschinenbauer ein enormer Anteil  seines Umsatzes – und damit seines Gewinns. Im Unternehmen war man nicht in der Lage, bei dem Low Cost-Produkt gezielt auf Funktionen zu verzichten und zwischen den beiden Kategorien messerscharf zu trennen. Paypal hat es vorgemacht und durch radikalen Verzicht ein erfolgreiches Geschäftsmodell aufgebaut. Manche Unternehmen überlassen durch ein modulares Produktkonzept und einem Konfigurator das Weglassen Ihrem Kunden.

 

Man muss alles betrachten, um an der richtigen Stelle zu verzichten

Weglassen ist eine hohe Kunst.
Die Angst, dass man auf die falschen Funktionen und Features verzichtet ist so groß, dass im Entwicklungsprozess Schritt für Schritt aufgerüstet wird.

 

Denken Sie immer an den Bildhauer und den Buddha

Wie kann man dieser Verlockung widerstehen? Wir brauchen konkrete Erkenntnisse der zukünftigen Kundenerwartungen: Eine entschlossene Produktstrategie, daraus folgend ein klares Bild vom gewünschten Ergebnis. Schließlich mangelt es oft genug an der Konsequenz, die Erkenntnisse ohne Wenn und Aber umzusetzen. Es gibt immer viele Gründe, etwas hinzuzufügen. Würde ein Bildhauer nach dem Prinzip dieses Unternehmens arbeiten, das im deutschen Maschinenbau an der Tagesordnung ist, würde er keinen „Buddha“ hervorbringen.

 

Nicht das Beste ist das Richtige, sondern das Richtige ist das Beste

Produktstrategien zu entwickeln und bis zum Ende durchzuhalten ist ein derart komplexer Prozess geworden, dass über 90% des Mittelstandes damit überfordert sind. Damit uns diese Angst vor Verzicht nicht auf die Füße fällt, brauchen wir einen Außenblick und ein ganzheitliches, frugales Denken. Entscheiden und Handeln.

 

Ihr Jürgen R. Schmid

Design Tech

www.designtech.eu

2 Kommentare
  • Thomas Hegelau
    Veröffentlicht um 15:28h, 24 März Antworten

    Lieber Herr Schmid, Danke ür die regelmäßigen und hilfreichen Denkanstöße Liebe Grüße aus Bonn

    • Jürgen R. Schmid
      Veröffentlicht um 18:46h, 24 April Antworten

      Danke lieber, Herr Hegelau!

Senden Sie einen Kommentar.