Warum New Work nicht nur im Fußball nicht funktioniert

Anfang Juni war es in allen Medien: Jogi Löw konnte wegen den Folgen eines Sportunfalls bei zwei Länderspielen nicht an der Seitenlinie stehen. Ich habe mich gewundert, was daran so bemerkenswert sein sollte. Ja, es war ungewöhnlich, aber sonst?

Aus Sicht von New-Work-Befürwortern müsste es ja sogar besser laufen, wenn das Team sich endlich ganz alleine organisieren darf …

New Work, Team, Jürgen R. Schmid

Nur das richtige Nachjustieren führt zum gewünschten Ziel.

Hongkong oder Shanghai?

Im Grunde sollten die Aufgaben, die so ein Trainer hat, ja tatsächlich bis zum Anpfiff erledigt sein: Er sorgt dafür, dass seine Spieler körperlich fit und mental gut eingestellt sind, hat die gegnerische Mannschaft analysiert und eine Strategie entwickelt sowie die Spieler für die Anfangs-Elf zusammengestellt. Er hat also alles im Voraus geplant und vorbereitet. Wozu sollte das Team ihn während des Spiels noch brauchen? Die Jungs können doch alle Fußball spielen, die sind Spezialisten ihres Fachs im Angriff wie in der Verteidigung. Der Trainer ist doch verzichtbar.

Hmmm. Wenn das Spiel genauso laufen würde wie geplant, träfe das sogar zu. Doch das tut es nie. Das ist beim Fußball nicht anders als bei einem Langstreckenflug: Während des Flugsvon hier nach dort muss nachjustiert werden, sonst landen Sie nicht am Zielort. Die Einflussfaktoren sind vielfältig und unberechenbar – und verändern zunächst unbemerkt die Flugrichtung. Wenn der Pilot oder der Autopilot darauf nicht reagiert, landen Sie statt in Hongkong mal eben in Shanghai. Oder umgekehrt …

Anders als gedacht

In der Wirtschaft und besonders bei Innovationsprojekten sieht das nicht anders aus: Es läuft nie genau so wie gedacht. Deshalb brauchen Sie auch dabei jemanden, der genau beobachtet und zielgenau nachjustiert. Der die Erfahrung hat und an den richtigen Stellschrauben dreht, damit Sie mit Ihrem Projekt wirklich da landen, wo Sie landen wollten. Nur weil Ihre Strategie und Ihr Team steht, läuft nicht alles automatisch in die richtige Richtung.

Und wenn das Projekt erst am falschen Endpunkt gelandet ist, hilft es auch nicht viel, wenn Sie im Nachhinein erklären können, warum Sie vom Kurs abgewichen sind. 

Der Erfolg steht und fällt mit der Nachjustierung im laufenden Projekt. Die Anhänger von New Work behaupten nun, dass das Team diese Nachjustierung am besten selbst vornimmt. Das hätten wir gerne – in meiner langjährigen Erfahrung als Designer habe ich das jedoch leider noch nie erlebt …

Dreimal Nein 

Was dieses schön klingende Konzept scheitern lässt, sind folgende drei Punkte:

Erstens übernimmt eine Gruppe niemals Verantwortung – Verantwortung übernimmt immer nur ein Einzelner. Wenn Sie Kinder haben, kennen Sie das Phänomen: Wenn Sie denen sagen „Der letzte macht die Tür zu“, können Sie sicher sein, dass die Tür offen bleibt und angeblich keiner der letzte war, der gegangen ist. Große Unfälle in Kernkraftwerken hatten ihre Ursache immer darin, dass jeder im Team davon ausgegangen ist, dass sich der Andere darum kümmert. 

Zweitens ist in Teams jeder mit seiner Spezialaufgabe beschäftigt. Den Überblick, den Sie brauchen, um gute Entscheidungen zu treffen, hat keiner. 

Drittens brauchen Sie für erfolgreiche Nachjustierungen eine ausgeprägte Intuition. Ohne dem Blick in Sekundenschnelle das komplexe Ganze zu erfassen, bringen Sie bestenfalls durchschnittliche Ergebnisse zustande: Wie verändern Sie zum Beispiel Ihr Team, wenn Sie beobachten, dass die aktuelle Konstellation offensichtlich nicht die erwarteten Ergebnisse bringt? Ich habe kürzlich mit einer erfahrenen Führungskraft gesprochen: Er hat ganz bewusst seine Teams bei der Arbeit beobachtet und solange das Team umgestellt, bis es die notwenige Power hatte, um das gewünschte Resultat zu erreichen. Dabei hat er unter anderem festgestellt, dass sich alle im Schnitt mehr ins Zeug legen, wenn Frauen im Team sind.

Trotzdem gewonnen

Sie sehen: Der Trainer wird auch während des Spiels gebraucht.

Und dass die deutsche Nationalmannschaft trotz des Fehlens von Jogi Löw beide Spiele gewonnen hat, lasse ich jetzt nicht als Einwand gelten. 

Oder haben Sie andere Erfahrungen gemacht?

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