Vom Vergnügen, Dinge anzufassen

 

Vor Jahren war ich mit meinen Kindern in der Staatsgalerie in Stuttgart und wir haben uns gemeinsam die Alten Meister angeschaut. Ich war entzückt, welche Begeisterung Grundschüler für die alten, scheinbar leblosen Gemälde haben können. Ein Schreck zuckte durch meinen Körper, als die Alarmanlage laut aufheulte. Einer meiner Sprößlinge konnte sich das Anfassen eines Bildes nicht verkneifen. Das Personal hatte großes Verständnis und hat mir versichert, dass hin und wieder auch erwachsene Menschen Alarm auslösen würden.


Kindchen-Schema
Spricht die Sinne an – Sympathie pur

 

Hände weg

Als Kind habe ich gelernt, dass man mit den Augen sehen soll und nicht alles anfassen darf. Diese Einschränkung konnte ich nicht akzeptieren – bis heute nicht.
Die Haptik ist ein natürliches Erlebnis-Tool. Über meine ganze Jugend und bis heute will ich mit meinen Händen fühlen, mit was ich es zu tun habe. Kieselsteine, Baumrinde, Schnee. Das Anfassen, das Spüren und das Fühlen von Material, Oberfläche, Wärme und Kälte erweitert das Bewußtsein und gibt uns das Gefühl dass wir leben – im hier und jetzt. Meine Frau sagt mir heute noch, dass ich alles anfasse und ich antworte ihr, dass ich „mit den Händen sehen“ will. Dann lachen wir beide und wissen, dass es genau stimmt.

 

Unfassbar

So, wie das Schmecken durch den Geruch erweitert wird, so korrespondiert unsere haptische Wahrnehmung mit den Augen. Das, was wir sehen – und noch vieles mehr in manipulierten Photoshop-Zeiten – ist nicht hundertprozentig glaubwürdig. Das spiegelt sich auch in unserem Sprachgebrauch. „ Das ist nicht fassbar“, „Ich kann es nicht begreifen“. Nicht umsonst wissen Verkaufsprofis, dass der Kunde schon halb gekauft hat, wenn er das Produkt erst mal in der Hand hält. Das Fühlen ist ein Erlebnis, das uns überzeugt. Wir können ohne alle anderen Sinne zurechtkommen, wer allerdings aufhört zu fühlen, der stirbt. Der haptische Sinn ist nicht nur für Kinder existenziell.

 

Kaum zu begreifen

Warum benutzen Sie manche Kleidungsstücke sehr häufig, und manche überhaupt nicht? Beobachten Sie sich jetzt, wenn Sie vor Ihrem Kleiderschrank stehen und überlegen, was Sie heute anziehen. Für welches Hemd entscheiden Sie sich? Wissenschaftliche Studien belegen, dass jene Kleidung zu Ihrem Lieblingsstück wird, das sich für Sie am besten anfühlt.

 

Zugreifen

Auch beim Industrial Design von Produkten und Maschinen ist die Haptik verkaufsentscheidend. Welche Oberfläche hat die Tastatur, der Griff, die Lackoberfläche? Erhabene Schriften und fein strukturierte Oberflächen nehmen wir als wertig wahr. Tasten mit haptischer Rückmeldung geben uns Sicherheit in der Benutzung. Griffe, die sich durch eine bewußte Materialwahl warm und weich anfühlen, benutzen wir gerne und bevorzugt.
Ich benutze z. B. einen griffigen Füllfederhalter mit weichen Formen, der sich für mich gut anfühlt, obwohl ich schon schönere gesehen habe, die aber glatt, kalt und scharfkantig waren.

 

Datensätze sind unbegreiflich

Es ist also nicht nur ein Vergnügen, Dinge anzufassen, es hat direkten Einfluß auf unser Verhalten und Wohlbefinden. Das gilt auch im Zeitalter der Digitalisierung und der Amazon-Bestellungen. Wir Menschen sind Sinnesmenschen und besonders wichtig ist das Anfassen. Das Fühlen und Spüren. Würden Sie bei Ihrem Auto das moderne Lenkrad gegen ein glattes, kaltes, dünnes Lenkrad eintauschen? Wahrscheinlich nicht einmal, wenn Sie einen vierstelligen Betrag einsparen würden.

 

Anfassen macht glücklich

Die Natur nutzt unser Wahrnehmungsvermögen und manipuliert uns sehr geschickt, zu unserem eigenen Vorteil. Babys zum Beispiel haben samtglatte Haut und weiche Formen. Wir können nicht anders, wir lieben dieses Kindchen-Schema.
Anfassen ist (fast) immer erlaubt, und ich mache, wann immer möglich, davon Gebrauch. Nur das, was wir gerne anfassen, lieben wir.

 

Ihr Jürgen R. Schmid

Weblinks:
www.designtech.eu
www.maschine2020.de

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