Von der echten und unechten Authentizität

Authentisch ist jemand, den wir als „echt“ wahrnehmen. Erst kürzlich besuchte ich ein Stimm-Seminar bei Arno Fischbacher, einem anerkannten Experten für die unbewusste Macht der Stimme im Bereich Wirtschaft. Gleich zu Beginn machten wir einen Test, den Sie leicht selbst durchführen können: Falten Sie Ihre Hände. Ich vermute, Sie fühlen sich wohl damit, „echt“. Ihre Handstellung empfinden Sie als authentisch. Jetzt nehmen Sie den oben liegenden Daumen nach unten. Dasselbe machen Sie mit dem kleinen Finger. Unsere einstimmige Wahrnehmung im Seminar: Ich fühle mich nicht wohl damit. Es fühlt sich komisch an. Irgendwie nicht stimmig. Trotzdem sind unsere so gefalteten Hände nicht unechter als sie es in der ersten Stellung waren. Nur anders. Wir empfinden uns selbst dann als authentisch, wenn wir das tun, was wir gewohnt sind.


Die Wohlfühllage hat etwas mit Sofa, Fernsehen, und Chips zu tun – nicht mit Authentizität

 

Authentizität als Ausrede blockiert sinnvolle Veränderungen

Die Wahrnehmung des Gewohnten als authentisch führt uns häufiger als wir denken auf eine falsche Fährte. Sie behindert oder verhindert gar sinnvolle Veränderungen, weil wir das Ungewohnte als nicht „echt“ empfinden: Das passt nicht zu mir, das bin nicht ICH. Hinzu kommt ein verstärkender Aspekt: Es ist einfacher, alles beim Alten zu lassen. Mit Veränderung tun wir uns schwer. Sie kostet uns beträchtliche Energie, erfordert stetige Übung und fühlt sich nach einem unüberschaubaren Aufwand an. Da kommt uns das Argument der Authentizität gerade recht.

 

Verblüfft beobachtete ich, wie intensiv ich meine eigene Wohlfühllage verteidige

Dabei gibt es – zumindest bei mir – jede Menge Themen, die förmlich nach Verbesserung schreien. Häufig haben solche Themen mit unserem Verhalten zu tun. Aber gerade unser Verhalten wollen wir nicht ändern. Laut Arno Fischbacher braucht es 15.000 bis 30.000 Wiederholungen, um unsere Stimme zu verändern. WOW! Das schreckt mich ab. Ich muss die Notwendigkeit einer solchen Veränderung schon als äußerst dringend und wichtig einstufen, um diesen Aufwand in Kauf zu nehmen. Lieber bleibe ich authentisch. Meine bisherige Stimme ist ja schließlich ein wichtiger Bestandteil meiner Persönlichkeit.

 

Glaubenssätze sind unsere Tarnkappen?

Vielleicht gibt es auch bei Ihnen als Originalität getarnte, vermeintlich unveränderliche Merkmale, Eigenschaften oder Glaubenssätze, die aber durchaus einmal kritisch zu hinterfragen wären. Hier einige Beispiele: „Ich bin kein sportlicher Typ.“ „Ich bin kein guter Redner.“ „Ich bin nun mal ein unorganisierter Typ“ Oder „Ich gehe lieber unbemerkt durchs Leben.“ Oft gehört: „Andere haben Schwierigkeiten mit mir. Aber ich bin eben so.“

 

Auch Unternehmen sind authentisch?

Bei Unternehmen stoße ich ebenfalls auf das manchmal missverstandene Thema Authentizität. Ganz besonders, wenn es um Industrial Design geht. Erst kürzlich konstatierte ein Unternehmer im Brustton der Überzeugung, ein gezieltes Maschinendesign passe nicht zu seiner Firma. Der Grund: Seine Kunden würden eine solche Veränderung überhaupt nicht wertschätzten, da sie gezielt und ausschließlich die Technik kauften. Das charakterisierende seiner Marke sei allein das technische Rohprodukt, wodurch die technische Lösung unweigerlich auch das Design prägt. – Als Außenstehender fällt es mir leicht, diese Einstellung zu kritisieren, denn für mich liegt der Nutzen eines punktgenauen Maschinendesigns auf der Hand. Das zeigen mir die erzielten Erfolge eindeutig.

 

Authentizität in der Praxis

Vor etwa zehn Jahren realisierte ein Maschinenbau-Unternehmen ein attraktives Design, das erwartungsgemäß eine positive Marktwirkung hatte. Der größere Wettbewerber dieses Maschinenbauers hatte eine solche Designmaßnahme dagegen strikt abgelehnt mit der Begründung: Seine Kunden würden Design im Maschinenbau als überflüssig ansehen und attraktive Maschinen nicht mit seinem Unternehmen in Verbindung bringen. Nachdem jedoch das Industrial Design des kleineren Mitbewerbers einen so großen Anklang gefunden hatte, kontaktierte er uns. Mit der Brechstange wollte er nun erwirken, auf der Branchenmesse nur wenige Monate später mit einem neuen Maschinendesign aufzutreten zu können. Von Authentizität war keine Rede mehr.

 

Ist das echt oder kann das weg?

Zwischen Ausrede und Authentizität verläuft offensichtlich nur ein schmaler Grat. Prüfen Sie stets aufs Neue, was in Ihrem Leben verbesserungswürdig ist und wie viel Aufwand Ihnen diese Optimierung wert ist. So verpassen Sie beruflich und persönlich keine Gelegenheit mit dem Vorwand der Echtheit.

 

Ihr Jürgen R. Schmid

Weblinks:
www.designtech.eu
www.maschine2020.de
www.werkzeugderzukunft.de

 


 

In meinem Buch „Standard ist tödlich“ habe ich diesen Aspekt näher betrachtet.


ISBN 978-3-947572-01-4

 


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